Marsimoto

Green Tour 2015
Sommer 2006. Halb HipHop-Deutschland diskutiert über diesen jungen Rapper aus
Mecklenburg-Vorpommern und sein komplett durchgeschossenes 30-Track- Debütalbum »Halloziehnation«,
das über ein hessisches Kleinstlabel erschienen ist. Darf dieser Marsimoto das denn überhaupt?
Einfach den vom US-Produzenten Madlib und seinem Alias-Projekt Quasimoto bekannten
Helium-Stimmeffekt adaptieren, wilde Wortspiele mit UK-Bässen versetzen und daraus sein ganz
eigenes Ding machen? Doch schon während der Diskussion erledigt sich die Frage ganz von selbst –
Madlib höchstselbst sendet Props von Übersee. Soweit die Legende.
Fast zehn Jahre ist das inzwischen her, und inzwischen ist Marten Laciny, der Mann hinter
Marsimoto, ein echter deutscher Popstar, einer in der Liga von Jan Delay, Peter Fox oder Campino –
alles übrigens auch Freunde von ihm, mit denen er unregelmäßig Musik macht. Mit seinem anderen,
weniger spröden (und trotzdem erst nach Marsimoto etablierten) Alter Ego Marteria und den beiden
Teilen von »Zum Glück in die Zukunft« konnte Laciny inzwischen Gold- und Platinstatus erreichen und
große Hallen ausverkaufen. Das ganze Land pfeift noch seine letzten, alles zerberstenden Pop-Hymnen
wie »Kids (2 Finger an den Kopf)« oder »OMG«, da hat er sich mit seinen musikalischen Mitstreitern
schon längst in die Karibik zurückgezogen, um am vierten großen Marsimoto-Opus »Ring der
Nebelungen« zu arbeiten.
»Ich rap', solang Babylon steht«, verkündet die inzwischen wohlig bekannte Pitch- Stimme gleich zu
Beginn des Intros. Tatsächlich ist die latente Reggae-Referenz durch den Babylon-Verweis auch ein
versteckter Hinweis auf den Entstehungsort des Albums. Für einen Monat ließ sich die komplette
Green Berlin-Posse unter Leitung ihres maskierten Anführers nämlich Anfang des Jahres in einer
großzügigen Residenz auf Jamaika nieder. Das vierte Marsimoto-Werk nach »Halloziehnation« (2006),
»Zu zweit allein« (2008) und zuletzt »Grüner Samt« (2012) entstand also an der karibischen Küste,
zwischen Bungalows und Angeltrips. Dass Laciny gerne in abseitige Regionen reist, weiß man
spätestens seit der Kampagne zu seinem endgültigen kommerziellen Durchbruch, dem letztjährigen
Marteria-Album »Zum Glück in die Zukunft II«, für dessen visuelle Begleitung er in drei Wochen um
die Welt flog.
Doch von den massenkompatiblen Hooks und Pop-Melodien, die Marteria aus der HipHop-Szene bis an die
Spitze der Charts katapultierten, will Marsimoto nichts
wissen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom – und so will der grantelnde Grünträger nicht
einstimmen in die Forderung der Grasjünger nach der Legalisierung von Marihuana, die spätestens
seit der Diskussion um den Görlitzer Park in Berlin auch bundesweit wieder laut wird. Stattdessen
pöbelt Marsi aus dem Exil auf Rügen:
»Illegalize It!« Und setzt noch eins drauf: »Zecken raus!« Denn Marsi will gar nicht, dass alle
werden wie er. Der bekennende Outsider begehrt auf gegen die Vereinnahmung durch den Mainstream.
Genau darum ging es ihm immer schon: Um die Abgrenzung von der Masse, ums Abfeiern des Ausbruchs.
»Das Gefühl, wenn man das Weed vom Zeltplatz aufs Splash-Gelände geschmuggelt hat, das darf nicht
verloren gehen«, lacht Laciny.
Was die textlichen Referenzen angeht, ist Marsimoto immer noch ein klares Kind der Neunziger. In
»An der Tischtennisplatte« beschreibt er eine Jugend zwischen Victory-Schuhen, Wit-Boy-Jeans und
Panasonic-Stereoanlage, »Trippin'« enthält Vokalschnipsel von den Gravediggaz und De La Soul. Doch
der Marsi-Soundentwurf geht weit über die reine Retromanie hinaus: Die spätzündenden Beat-Outros
von Timbaland, die zitternden Rhodes und stolpernden Drums von J Dilla, die ätherischen Flächen von
Flying Lotus und dessen singendem Yoga-Lehrer Gonjasufi
– all das haben Nobodys Face, BenDMA, Kid Simius, Dead Rabbit und The Krauts kanalisiert und
schlüssig in die Green-Berlin-Philosophie übersetzt. »Marsi macht jetzt Musik«, heißt es an einer
Stelle auf »Ring der Nebelungen«. Und was für welche.
Man kann diese Platte hören wie einen kurzweiligen Sound-Trip, man kann sich von den gewaltigen
Bässen und Drums umwerfen lassen, aber man kann sich auch über die doppelten Böden freuen, die
beinahe jede Zeile bereithält, wenn man genau hinhört. Marsi zitiert deutsche HipHop-Geschichte von
Freundeskreis bis Advanced Chemistry, »7 Leben« erweckt sogar die verkopfte Deepness von
Spätneunziger- Underground-Helden wie RAG oder Doppelkopf wieder zum Leben. Marteria mag sich
inzwischen weitgehend auf die treffende Punchline und die lakonische Formulierung in poptauglicher
Formatierung konzentrieren – bei Marsimoto darf sich der innere Rapper in Marten Laciny hingegen
mal wieder so richtig austoben. Da kann ein Song wie »Tijuana Flow« dann auch mal drei Strophen
lang auf einem einzigen Reim basieren.
Das Phänomen Marsimoto ist längst viel größer als HipHop, gleichzeitig ist Marsi immer noch so sehr
Rap, wie man nur sein kann. Zwischen dem Splash-Headliner- Slot und der ausverkauften Berliner
Wuhlheide liegt eben auch nur ein Gefühl. Seine erklärten Vorbilder von Madlib über Aphroe bis Kool
Keith mögen nie die großen Hallen gefüllt und Unmengen von Platten verkauft haben – Marsimoto macht
es jetzt eben stellvertretend für sie und gleich auch noch für alle anderen seltsamen Outsider auf
der Welt. Mit seinem »Stay weird, stay different«-Slogan hatte Oscar-Gewinner Graham Moore auf der
diesjährigen Verleihung das Publikum zu Tränen gerührt. Marsimoto setzt diese Maxime in die Tat um
und erreicht damit trotzdem mehr Menschen als bemühte Rap-Studenten mit ausgeklügeltem
Marketing-Plan. Marsimoto ist der König der schönen Verlierer.
© Stephan Szillus Berlin-Neukölln, 2015
Lasst Euch folgenden Termin nicht entgehen:
09.12.2015 Würzburg Posthalle