Es ist Casper zu gratulieren.
Aus verschiedenen Grunden. Gehen wir der Reihe nach. Das Album ist nur wenige Sekunden alt, wenn es sich zum ersten Mal mit beinahe unertraglicher Spannung aufladt und es nach kurzem Herunterzahlen durch die Statusmeldung »Der Druck steigt« hindurch bricht wie ein hoffnungslos uberlasteter Staudamm. Die erste Klimax (von einigen, die noch kommen werden) also bereits nach wenigen Sekunden, welches Album kann das schon von sich behaupten? Gratulation dazu. Es steckt aber noch so viel mehr in diesen wenigen einleitenden Worten. Gewiss, der Druck auf Casper selbst wird beachtlich gewesen sein, das gibt er auf die Frage nach der Besonderheit dieser Albumaufnahmen freimutig zu. Es war ein Arbeitszyklus ohne festen Plan, eine sich selbst schreibende Geschichte. Welcher Autor ware abgebruht genug, deren Verlebendigung vor sich passieren zu lassen ohne die Angst vor dem Ende? Casper, der sich immer nur von seiner inneren Stimme hat leiten lassen, der Stimme, vor der samtliche Stimmen von außen nur kleinlaut ausfallen konnten, wollte mit »XOXO« nicht weniger als sein fruhes Opus Magnum aufnehmen und – dafur ist ihm mehr als zu allem anderen zu gratulieren — es ist ihm gelungen. Der viel großere Druck lastet allerdings auf Deutschrap insgesamt. Man darf den aufbrandenden Einstieg des Albums also gern auch als prazise Zustandsdiagnose dieses Genres verstehen. Des Genres, das gewiss deutliche Spuren in der DNA von »XOXO« hinterlassen hat, dessen eigene Vitalfunktionen aber mehr als Besorgnis erregend sind. Deutschsprachiger HipHop wartet seit Jahren auf den Kunstler, der aus der sich sich selbst zu Tode langweilenden Reproduktionstretmuhle, die Deutschrap geworden ist, heraus tritt. Casper wiederum tritt nicht aus ihr heraus, er sprengt sie. Einen solchen alles neu ordnenden Kraftakt hat es hierzulande lange nicht gegeben. Auch hierfur: Gratulation.
Die Sprengkraft von »XOXO« erwachst nicht aus einer vordergrundigen oder formalen Radikalitat. An diesen Mustern hat sich Casper in seinem fruheren musikalischen Leben ausreichend abgearbeitet. Mittlerweile ist er weit genug zu wissen, dass nichts so viel Kraft freisetzt, wie zielsicher einen Nerv zu treffen. Es gelingt ihm scheinbar muhelos, unmittelbar Privates in großes Storytelling zu ubersetzen und dabei gleichzeitig eine spur-, aber kaum greifbare kollektive Gemutslage einzufangen.
Dieses Album ist beides, das Selbstportrait eines Kunstlers, der tatsachlich etwas zu sagen hat und das Manifest einer Generation, die irgendwo zwischen Reizuberflutung, Scheinfreiheit und Selbst- verwirklichungsdruck nach Halt sucht. Man muss froh sein, wenn unter den gegenwartigen deutschen Kunstlern jemand eine dieser beiden Ubungen meistert. Casper muss man zu seiner sich selbst und seine Lebensrealitat spiegelnden Sprache einfach nur noch gratulieren.
Es ist eine Sprache, die keine Angst vor den großen Themen hat, die Sinnsuche anspricht, Liebe, wie sich Liebe ins Gegenteil verkehrt, das Erwachsenwerden, Leben. Es ist auch eine Sprache, die fur die großen Themen die passenden Bilder findet. Die nicht abgegriffenen und vor allem diejenigen, die den Platz zwischen den Zeilen so effektiv ausfullen, dass die Wirkung des Gesagten enorm ist, die des Nichtgesagten aber geradezu explosiv. Es gibt derzeit keinen feinfuhliger, leidenschaftlicher, keinen brillanter schreibenden und performenden Rapper in Deutschland. Keinen, der Nietzsche zitieren kann, ohne als Besserwisser ruberzukommen. Keinen, der das Inhaltliche auf einen neuen Level hebt und dabei noch all den formalen Flow- und Reimstandards mehr als gerecht wird.
Und es gibt kein anderes Album, das seine Sprache so kongenial im Sound weiter fuhrt. Das, was sich hier abspielt, sind schon lange keine Beats mehr, es sind Kompositionen, mitunter sogar orchestrale Arrangements und fein gezeichnete Soundfresken. Es steckt horbar viel Studioarbeit in diesen Aufnahmen. Man konnte dagegen wetten, dass es moglich sein wird, auch nach dem hundertsten Horen noch neue Details aus diesen Texturen herauszuhoren. Aber man sollte es besser lassen, denn am Ende gewinnt immer dieses Album. Hier materialisiert sich auf spektakulare Weise, was Casper eigentlich immer ausgemacht hat: die Genre- Uberschreitung, die stilistische Ausdehnung, ohne dabei uberambitioniertes Muckertum zu riskieren. Und auch der Bandbetrieb, der in den letzten Monaten bereits auf der Buhne zum Laufen kam. Hier wird durch Postrock hindurch gecuttet, hier wird an einer Stelle Zeitgeist gesamplet und an der nachsten neuer Zeitgeist definiert, hier wird in Harmonien geschwelgt und in Piano-Arrangements ein junges, brennendes und niemals peinlich beruhrendes Pathos eingerahmt.
Hier passiert all das, was lange gefehlt hat. In jeder Hinsicht. Gratulation reicht tatsachlich nicht.
Man muss Casper fur »XOXO« auf Knien danken.
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